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Aktionstag Legasthenie und Dyskalkulie

ADHS Legasthenie Dyskalkulie

Das Schubladen-Denken

Man trifft Menschen, man arbeitet mir Menschen, man ist Mensch. Man! Wer ist eigentlich ‚man‘? Und man unterscheidet und trifft aufgrund dieser Unterscheidungen Entscheidungen.
Was sind eigentlich Entscheidungen? Entscheiden heißt zunächst einmal trennen, aufteilen, klären. Wenn dann alles geklärt ist, die Entscheidung getroffen wurde, dann beginnen das Denken und das Handeln.

Im Grunde genommen ist doch alles was wir denken und tun jederzeit das Ergebnis von Entscheidungen. Wir gehen nach links, wir gehen nach rechts, wir bleiben stehen. Wie überlegen und dann treffen wir eine Entscheidung, wie vorzugehen ist. Wann immer wir irgendetwas denken, sagen oder tun, denken, sagen oder tun wir eben nicht das andere. Wir haben also eine Entscheidung getroffen. Und solche Entscheidungen treffen wir, selbst wenn es uns gar nicht bewusst um eine solche Entscheidung geht.

Wenn wir manche Entscheidungen häufiger treffen, dann werden sie zum Teil unseres regelmäßigen Verhaltens. Dann denken wir nicht mehr darüber nach, wie wir uns entscheiden sollen, wir handeln einfach, oder wir sind einer Meinung, es wachsen in uns Überzeugungen. Mit diesen Ergebnissen fortwährender Entscheidungen vereinfachen wir unsere Sicht auf die Welt, die Dinge und die Menschen. Und dann ist es nicht mehr weit, bis wir in den uns allseits bekannten Schubladen denken und uns auch genau nach solchen Schubladen verhalten.

Interessanterweise wird unser Verhalten dann ebenso typisch; typisch für eine bestimmte Schublade. So sitzen wir dann in unserer eigenen Schublade und stecken die anderen Leute in deren Schubladen hinein, wie wir es für richtig halten. Und wie wir so da in unseren Schubläden sitzen, machen wir irgendwann zu, und dann entsteht irgendwo da zwischen den Regalen und Schränken mit den ganzen Schubladen ein leerer Raum, und wir haben mit unseren Mit-Menschen gar nichts mehr zu tun.

Auch Diagnosen sind Entscheidungen. Auch diese stellen die Grundlage für Denken und Handeln dadar. Aufgrund einer Diagnose erweist es sich etwa als sinnvoll, diese oder jene Intervention mit einem Patienten oder einer Patienten durchzuführen. Solche Interventionen dienen natürlich dazu, zu verändern, sodass die Intervention eine Passung in gezimmerte Schubladen eigentlich gerade zu verunmöglichen sollte.

Aber seien wir doch ehrlich, sind es nicht gerade solche Diagnosen, die nun ganz besonders dazu führen, dass wir mit unserem Schubladendenken die so Diagnostizierten in diese Schubladen stecken? Damit benutzen wir die Diagnose für etwas völlig anderes, als das, wofür sie gedacht ist. Wir verändern nicht, sondern wir zwingen in Erstarrung.

Wie viel LRSler habt ihr eigentlich in eurer Klasse? Wie viel ADHSler gibt es eigentlich bei dir im Kurs? Wie voll ist denn eigentlich deine Schublade? Passen da noch ein paar Leute rein? Ist da noch Raum für ein oder zwei Schülerinnen und Schüler?

Wechseln wir nun mal die Seite. Ich bin selber in der Schublade, ich werde abgestempelt. Ich werde behandelt wie einer, der in so einer merkwürdigen Schublade steckt. Als ob ich darin wohnen würde. Dabei fällt mir gerade ein, wie werden eigentlich Leute behandelt, die in Schubladen stecken, mache ich da nicht gerade wieder eine neue Schublade auf?

Und kann denn eigentlich eine Schublade nicht auch sehr angenehm sein? Ich habe jetzt die Diagnose bekommen, die ist zwar dazu da, dass Veränderung geschieht, aber mit der Diagnose lebt es sich vielleicht ja auch ganz angenehm. Mit der Diagnose kann ich ja auch Veränderung bei mir umgehen. Dann bleib einfach alles beim Alten, jetzt müssen die anderen sich verändern, denn ich habe es mir in meiner diagnostizierten Schublade schön gemütlich gemacht.

Sitze ich also selber in einer Schublade, öffne ich die Schubladen, in den andere sitzen? Worum geht es denn eigentlich?
Eigentlich kann es doch nur darum gehen, dass wir mit Schubladen immer die Menschen meinen, die wie selbst in diese Schubladen gesteckt haben. Das heißt, wir verwechseln die Schublade mit den Menschen.
Ich glaube, dass, wenn wir dies berücksichtigen und uns fortwährend vor Augen halten, die Schubladen ganz von alleine wurmstichig werden.
Es geht nie um die Schubladen. Es geht immer um die Menschen, die vermeintlich in diesen Schubladen sitzen, und genauso um die Menschen, die angeblich in diesen Schubladen denken. LRS, ADHS, es ist doch völlig gleich. Es geht doch um den Menschen, dem wir die Möglichkeit geben wollen, sich zu verändern, sich zu entwickeln, zu entfalten und glücklicher zu werden. Was kann da einer mit einer Schublade anfangen?
Menschen, die helfen, bedürfen keiner Schubladen. Die einzige Schublade, die hier noch von Interesse sein könnte, ist nun tatsächlich die, in der ich selber sitze. Sitze ich in der Schublade ‚Ja, ich helfe‘, oder sitze ich in der Schublade: ‚Nein, ich helfe nicht‘?
Und wenn ich nun in einer dieser Schubladen sitze, dann kann ich sie jetzt doch auch genauso gut einfach aufmachen, raus hüpfen, und mir daraus eine Seifenkiste bauen. Das macht Spaß, und hat mit Schubladendenken nichts mehr zu tun.

Quelle: Vigesco Institut

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